Sonntag, 19. Oktober 2014

Bianca hat Ferien :D

Hallo zusammen,

nachdem ich nun zwei Wochen Zeit hatte, um in Cherbourg meine Schulen, die Schüler und einige der anderen Lehrer kennen zu lernen, haben gestern die Herbstferien begonnen, die zwei Wochen dauern. Obwohl mir die Zeit an der Schule bis jetzt viel Spaß gemacht hat, freue ich mich trotzdem sehr darauf, das noch schöne Wetter genießen und mir weiterhin die Umgebung genauer anschauen zu können.


Der Strand von Cherbourg ist im Herbst noch sehr schön.
Dafür habe ich noch vier Tage Zeit, die auch schon größtenteils mit Planungen ausgefüllt sind, denn am Donnerstag nutze ich die Ferien auch dafür, um das erste Mal wieder zurück nach Deutschland zu fliegen und meine restlichen Ferien in Leipzig zu verbringen :D

Nur mal zum Festhalten: Auf meiner Fahrt nach Frankreich habe ich endlich die 60.000 erreicht.
Mir meiner Gastfamilie verstehe ich mich weiterhin sehr gut (ich bin manchmal wirklich beeindruckt, wie geduldig Mireille mit mir ist und wie oft sie mich ermuntert, dass mein Französisch immer besser wird - sie ist wirklich ein Herz). Es ist schön, bei den beiden zu wohnen, weil ich mich tagsüber auch längere Zeit zurückziehen und meinen Unterricht vorbereiten kann, aber den Abend verbringen wir meistens gemeinsam. Am Wochenende kommen oft die Töchter von Christian vorbei, sie wohnen quasi um die Ecke und dann gibt es immer Champagner (für die Frauen) und Whiskey (für die Männer). Deswegen gehe ich am Wochenende immer leicht beschwipst ins Bett ;)
Inzwischen kann ich auch den Alltagsgesprächen zwischen Mireille und Christian etwas besser folgen. Mireille spricht sehr gut verständlich, obwohl alle hier einen leichten Akzent der Normandie haben, bei Christian ist es schwieriger, weil er sehr schnell spricht und oft Witze macht. Ein Beispiel: Ich habe ihn neulich gefragt, ob er meinen Schirm gesehen hat, der zuletzt in der Garage gewesen war. Darauf antwortete er sofort: "Ja, hab ich - ich hab ihn in den Müll geworfen."
Vor drei Wochen hätte ich ihm dafür einen typischen fragenden Schafsblick zugeworfen, aber inzwischen habe ich mich darauf eingestellt, dass er fast ständig so reagiert. Dafür ist Christian aber auch unglaublich nett. Als ich ihn ein anderes Mal fragte, wo ich denn einen wirklich guten und nicht allzu teuren Calvados kaufen könnte, sagte er mir, dass der beste Calvados direkt vom Bauern käme. Dann schnappte er sich sein Handy, rief einen befreundeten Bauern und und der kam mit seiner Frau und einigen anderen Freunden prompt zum Wochenende vorbei und brachte mir meinen Calvados mit :)

Auf den Muschelfelsen in Gatteville
Die letzte Schulwoche vor den Ferien habe ich auch meine ersten Unterrichtsstunden gehalten, was zum Teil etwas schwierig war, weil die Deutschkenntnisse der Schüler an meinen drei Schulen sehr unterschiedlich sind. In meiner Stammschule sind die Klassen sehr klein, deswegen ist die Atmosphäre dort sehr familiär (meistens bilden die Schüler vor Unterrichtsbeginn mit den Tischen und Stühlen einen Kreis um das Lehrerpult). Ds Deutschniveau in diesen Klassen ist okay, aber dafür sind die Schüler sehr motiviert und neugierig, stellen viele Fragen und wir können auch gut zusammen lachen.

In meiner zweiten Schule ist es etwas anders. Das Deutschniveau der Schüler ist schlechter und sie sind auch nicht so sehr am Unterricht interessiert, arbeiten aber trotzdem gut mit und machen, was man ihnen sagt. Wenn ich aber Fragen stellen, schauen sie mich meistens nur verwirrt an oder tuscheln: "Qu'est-ce qu'elle a dit?" ("Was hat sie gerade gesagt?"). Ich habe gemerkt, dass die Schüler eher passiv sind, wenn man sie auf Deutsch anspricht, aber wenn ich etwas auf Französisch frage (was ich eigentlich nicht machen soll, der Unterricht sollte komplett auf deutsch sein), habe ich sofort ihre Aufmerksamkeit. Ich arbeite deswegen gerade an Motivierungsaufgaben für diese Klassen.

Der Schulweg zu meiner zweiten Schule an frühen Morgen
Und die Schüler meiner dritten Schule sind ... einfach unglaublich toll. Die Klassen sind zwar groß, meistens zwischen 20 und 25 Schüler, aber sie sind sehr motiviert und sprechen außerdem richtig gut deutsch. Sie stellen kluge Fragen, erledigen alle Aufgaben ohne Murren und sind ruhig im Unterricht. Außerdem ist das die einzige Schule, wo ich regelmäßig auch zu Mittag esse und es schmeckt richtig gut (natürlich nicht so gut wie in der Leipziger Mensa, aber es kommt dem sehr nahe ^^). An meinem ersten Tag dort habe ich im Kantinenraum für die Lehrer nach einer Kaffeetasse gesucht und stattdessen erstmal einen Schrank voll mit Rotwein und Cidre gefunden. Kein Wunder also, dass nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer an dieser Schule so entspannt sind ;)

Mein erstes freies Wochenende habe ich dafür genutzt, um die die Stadt Bayeux anzuschauen, eine wunderschöne Kleinstadt mit einer unglaublich beeindruckenden Kathedrale und den berühmten "Teppich von Bayeux", dem einem der ältesten Leinwanderzählungen der Welt. Von einer meiner Schulen habe ich einen so genannten "Pass éducation" bekommen, durch den ich die meisten Museen zum Preis eines Jugendlichen oder sogar kostenlos besuchen kann. Deswegen muss ich dieses Angebot noch ein wenig ausnutzen :)

Bayeux - eine typische Kleinstadt in Frankreich
Überall hab es kleine Bäckereien mit tollen Naschkram ;)
Die gothische Kathedrale von Bayeux
Heute Nachmittag bin ich dann noch bei meiner Tutorin eingeladen, sie wohnt auf dem Land und hat drei Hunde und zwei Pferde. Wir wollen einen Spaziergang durch die Wälder machen und ich kann mir auch die Pferde anschauen.
Und am Abend sind wieder die Töchter von Christian zu Besuch und diesmal koche ich für die Familie, das original sächsische Essen Ragout Fin. Das kam eher zufällig zustande, weil wir eines abends über typisch (ost-) deutsches Essen gesprochen hatten und Mireille mich gefragt hat, ob ich ihnen etwas zeigen könnte.

Damit wünsche ich euch allen noch eine schöne und entspannte Woche,

très cordi"allemand" Bianca


Freitag, 10. Oktober 2014

Besuch aus Deutschland

Fast zwei Wochen sind seit meinem letzten Post vergangen und allmählich bekomme ich auch das Gefühl, dass meine Zeit hier im Nu vergeht. Es fühlt sich an wie gestern, als ich mich das erste Mal mit meiner Tutorin getroffen und von den Schülern eine Führung durch meine Schule bekommen habe und inzwischen habe ich nun auch alle Schüler meiner zwölf (!) Klassen kennen gelernt und muss langsam anfangen, mir die vielen neuen Gesichter und Namen zu merken.

Die große Anzahl der Klassen kommt dadurch zustande, dass ich an drei Schulen unterrichte und in jeder Schule vier Unterrichtseinheiten halten muss. In den französischen Lycées ist es jedoch üblich, dass eine Unterrichtsstunde tatsächlich nur eine Stunde dauert, deswegen bedeuten vier Unterrichtsstunden auch vier unterschiedliche Klassen. In meiner ersten Schule sind die Klassen sehr klein, meistens nur 9-15 Schüler, in den anderen Schulen bestehen die Klassen dagegen zum Teil aus 20-30 Schülern. Dort herrscht dann dementsprechend auch mehr Gewusel und es ist schwierig, in nur einer Stunde auf jeden Schüler zumindest einmal einzugehen.
In meinen ersten Stunden habe ich mich meistens mit einer Präsentation und Bildern vorgestellt und anschließend durften mich die Schüler "ausfragen". Einige Klassen haben diese Gelegenheit genutzt und viele interessante Fragen erstellt, andere wirkten vollkommen verunsichert oder sie schauten mich nur mit einem fragenden Blick an. Einige Klassen stellten sich auch selbst vor oder fragten mich über die deutsche Kultur und Geschichte aus. Grundsätzlich kann man die jüngeren Klassen ganz gut begeistern, die älteren sind dagegen etwas anspruchsvoller oder teilnahmsloser.

Neben meiner ersten Schulwoche kam am Donnerstag auch noch ein weiteres Ereignis hinzu: Julia hat mich für eine Woche in Cherbourg besucht :) Nachdem ich bisher immer deutsch und englisch gesprochen habe, war es sehr schön, mal wieder mit jemandem deutsch sprechen zu können. Nun, da sie weg ist, fällt mir jedoch auf, dass ich manchmal wieder leichte Verständnisprobleme mit dem Französischen habe. Ich verstehe zwar meistens, was man von mir will, kann mich aber manchmal nicht so gut selbst ausdrücken.

Julia und ich haben diese und die letzte Woche genutzt, um so viel wie möglich zu unternehmen und uns anzuschauen. Ich habe auch wieder angefangen zu joggen, da es hier wirklich unglaublich schöne Strecken gibt, die direkt am Meer liegen, wodurch man nebenbei noch einen sehr schönen Ausblick hat.

Ein Panorama-Ausschnitt unserer Joggingstrecke in Equerdreville, einem kleinen Ort in der Nähe von Cherbourg.
Diese Woche war der Blick sogar einmal ganz besonders gut, weil zu dem Zeitpunkt vor uns die Queen Mary 2 vom Hafen auslief. Das war ein sehr faszinierendes Ereignis, da das Schiff angeblich das letzte Mal vor zehn Jahren in Cherbourg angelegt hatte, wie Mireille mir erzählt hat. Aber auch davon abgesehen, war es ein sehr ungewohnter Ausblick, auf dem Hafen von Cherbourg mit den vielen kleinen Schiffen der Franzosen und Engländer so ein riesiges Passagierschiff zu sehen.

Die Queen Mary 2 beim Verlassen des Cherbourger Hafens. Am späteren Abend passierte sie die alten Befestigungsmauern.
Außerdem haben wir letzte Woche den Mont Saint Michel besucht, der ungefähr zwei Autostunden von Cherbourg entfernt liegt. Die Fahrt hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, denn schon allein der Ausblick auf das Kloster ist einfach unbeschreiblich.

Es war gerade Ebbe und man konnte entweder auf einem Fußweg oder über eine neue Brücke zum Kloster gehen. Die Bauarbeiten dauern wahrscheinlich noch bis 2105 an.

Rund um den Mont Saint Michel wurden auch geführte Wattwanderungen angeboten.

Nachdem wir uns fast alles angeschaut hatten und noch ein bisschen durch die engen Gassen bummelten, brach jedoch plötzlich ein unglaublicher Sturm aus, der mit einem leichten Nieselregen begann und sich schon nach kurzer Zeit zu einem flächendeckenden Platzregen entwickelte. Ich hatte zwar meinen kleinen Schirm dabei, aber langfristig war der keine große Hilfe, denn als wir nach einigen Minuten des Ausharrens aufbrechen wollten, wurden wir von dem Sturm praktisch überrollt. Wir rannten kreischend und lachend zurück zur Bushaltestelle, während der Regen von allen Seiten auf uns einpeitschte, uns nach vorn schleuderte und wieder zurückwarf. Irgendwann kamen wir im Auto an und waren bis dahin "trempé jusqu'aux os", also nass bis auf die Knochen. Das Wetter ist hier manchmal doch etwas unberechenbar.

Ein weiterer interessanter Ausflug war unser Besuch des Schlosses "Martinvast". Der Eintritt kostete 6€, aber da das Kassenhäuschen bei unserer Ankunft nicht besetzt war, wussten wir nicht, ob und wie wir den Eintritt überhaupt bezahlen sollten. Wir schauten uns weniger das Schloss an, das vielmehr ein kleines Schlösschen mit einer dazugehörigen verfallenen Ruine war, sondern spazierten durch den Schlossgarten, der auch eher verwildert als im englischen Stil angelegt war.

Blick auf das Schloss vom Schlossgarten
Der Garten war weitläufig, aber nicht immer gut gepflegt.
Nach einer halben Stunde wurden wir jedoch von einem sehr, sehr alten Mann mit auffällig langen Nasenhaaren abgefangen, der uns etwas ruppig die 12€ Eintritt abkassierte und unser Geld in einem beeindruckendem Portemonnaie verstaute, das mit geschätzt hundert 50-, 20- und 10-Euro-Scheinen sehr gut gefüllt war.
Uns war schon vor dem Schloss ein Schlüsselbund aufgefallen, der achtlos im Kies lag und das wahrscheinlich auch nicht erst seit kurzem. Es stellte sich beim Aufsammeln später heraus, dass man mit diesen Schlüsseln vermutlich durch das ganze Schloss flanieren konnte. Als wir ihn am Ende unserer Tour dem alten Herrn in seinem Büro zurückgaben (wir wussten schließlich nicht, wie lange er schon danach gesucht hatte, auch wenn die Aussicht auf einen neuen Zweitwohnsitz sehr verlockend war), reagierte er plötzlich ganz anders auf uns, war freundlich, bedankte sich mehrmals und lud uns ein, jederzeit wiederzukommen.

Am 9. Oktober musste ich auch wieder sehr früh meiner zweiten Schule, die direkt im Stadtzentrum liegt und mit dem Auto sehr gut erreichbar ist - wenn nicht gerade so ein Stau herrscht, wie es an diesem Morgen der Fall war, denn einige Straßen waren aufgrund von Bauernabfällen gesperrt worden. Die Bauern protestierten an diesem Tag und um ihren Unmut Ausdruck zu verleihen, verteilten sie überall im Stadtzentrum ihre Gemüseabfälle. Dadurch kam ich fast zu spät und musste auch noch einen nicht sehr angenehmen Geruch ertragen. Dafür haben mir aber meine Schüler in der Klasse noch ein Geburtstagsständchen gesungen (auf deutsch!) und mir gratuliert. Julia musste leider gegen 11 Uhr mit dem Zug wieder zurück nach Deutschland, deswegen habe ich nach meiner letzten Unterrichtsstunde mit den anderen Assistenten am Abend meinen Geburtstag gefeiert. Mireille hatte mir ein gutes chinesisches Restaurant empfohlen, wo wir von Sam, dem Kellner, sehr freundlich bewirtet wurden. Für meinen Geburtstag gingen sogar ein paar Getränke und Frühlingsrollen aufs Haus und ich bekam sogar zum Abschied Sake in einem sehr interessantem Glas :)

Prost!
Der sehr andere Sake-Becher
In der nächsten Woche halte ich dann meine ersten richtigen Unterrichtsstunden, das heißt, ich muss mich nicht mehr vorstellen, sondern kann ein bestimmtes Thema mit den Schülern bearbeiten. Das ist dann auch schon die letzte Woche vor den Allerheiligen-Ferien, die in Frankreich zwei Wochen dauern und in der folgenden Woche fliege ich das erste Mal wieder zurück nach Deutschland. Ich hoffe, ich kann mir bis dahin noch ein paar weitere Sachen in der Normandie anschauen.

Bis dahin erstmal wieder liebe Grüße nach Deutschland und hoffentlich bis bald! :D
Au revoir!