Die große Anzahl der Klassen kommt dadurch zustande, dass ich an drei Schulen unterrichte und in jeder Schule vier Unterrichtseinheiten halten muss. In den französischen Lycées ist es jedoch üblich, dass eine Unterrichtsstunde tatsächlich nur eine Stunde dauert, deswegen bedeuten vier Unterrichtsstunden auch vier unterschiedliche Klassen. In meiner ersten Schule sind die Klassen sehr klein, meistens nur 9-15 Schüler, in den anderen Schulen bestehen die Klassen dagegen zum Teil aus 20-30 Schülern. Dort herrscht dann dementsprechend auch mehr Gewusel und es ist schwierig, in nur einer Stunde auf jeden Schüler zumindest einmal einzugehen.
In meinen ersten Stunden habe ich mich meistens mit einer Präsentation und Bildern vorgestellt und anschließend durften mich die Schüler "ausfragen". Einige Klassen haben diese Gelegenheit genutzt und viele interessante Fragen erstellt, andere wirkten vollkommen verunsichert oder sie schauten mich nur mit einem fragenden Blick an. Einige Klassen stellten sich auch selbst vor oder fragten mich über die deutsche Kultur und Geschichte aus. Grundsätzlich kann man die jüngeren Klassen ganz gut begeistern, die älteren sind dagegen etwas anspruchsvoller oder teilnahmsloser.
Neben meiner ersten Schulwoche kam am Donnerstag auch noch ein weiteres Ereignis hinzu: Julia hat mich für eine Woche in Cherbourg besucht :) Nachdem ich bisher immer deutsch und englisch gesprochen habe, war es sehr schön, mal wieder mit jemandem deutsch sprechen zu können. Nun, da sie weg ist, fällt mir jedoch auf, dass ich manchmal wieder leichte Verständnisprobleme mit dem Französischen habe. Ich verstehe zwar meistens, was man von mir will, kann mich aber manchmal nicht so gut selbst ausdrücken.
Julia und ich haben diese und die letzte Woche genutzt, um so viel wie möglich zu unternehmen und uns anzuschauen. Ich habe auch wieder angefangen zu joggen, da es hier wirklich unglaublich schöne Strecken gibt, die direkt am Meer liegen, wodurch man nebenbei noch einen sehr schönen Ausblick hat.
| Ein Panorama-Ausschnitt unserer Joggingstrecke in Equerdreville, einem kleinen Ort in der Nähe von Cherbourg. |
Diese Woche war der Blick sogar einmal ganz besonders gut, weil zu dem Zeitpunkt vor uns die Queen Mary 2 vom Hafen auslief. Das war ein sehr faszinierendes Ereignis, da das Schiff angeblich das letzte Mal vor zehn Jahren in Cherbourg angelegt hatte, wie Mireille mir erzählt hat. Aber auch davon abgesehen, war es ein sehr ungewohnter Ausblick, auf dem Hafen von Cherbourg mit den vielen kleinen Schiffen der Franzosen und Engländer so ein riesiges Passagierschiff zu sehen.
| Die Queen Mary 2 beim Verlassen des Cherbourger Hafens. Am späteren Abend passierte sie die alten Befestigungsmauern. |
Außerdem haben wir letzte Woche den Mont Saint Michel besucht, der ungefähr zwei Autostunden von Cherbourg entfernt liegt. Die Fahrt hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, denn schon allein der Ausblick auf das Kloster ist einfach unbeschreiblich.
| Es war gerade Ebbe und man konnte entweder auf einem Fußweg oder über eine neue Brücke zum Kloster gehen. Die Bauarbeiten dauern wahrscheinlich noch bis 2105 an. |
| Rund um den Mont Saint Michel wurden auch geführte Wattwanderungen angeboten. |
Nachdem wir uns fast alles angeschaut hatten und noch ein bisschen durch die engen Gassen bummelten, brach jedoch plötzlich ein unglaublicher Sturm aus, der mit einem leichten Nieselregen begann und sich schon nach kurzer Zeit zu einem flächendeckenden Platzregen entwickelte. Ich hatte zwar meinen kleinen Schirm dabei, aber langfristig war der keine große Hilfe, denn als wir nach einigen Minuten des Ausharrens aufbrechen wollten, wurden wir von dem Sturm praktisch überrollt. Wir rannten kreischend und lachend zurück zur Bushaltestelle, während der Regen von allen Seiten auf uns einpeitschte, uns nach vorn schleuderte und wieder zurückwarf. Irgendwann kamen wir im Auto an und waren bis dahin "trempé jusqu'aux os", also nass bis auf die Knochen. Das Wetter ist hier manchmal doch etwas unberechenbar.
Ein weiterer interessanter Ausflug war unser Besuch des Schlosses "Martinvast". Der Eintritt kostete 6€, aber da das Kassenhäuschen bei unserer Ankunft nicht besetzt war, wussten wir nicht, ob und wie wir den Eintritt überhaupt bezahlen sollten. Wir schauten uns weniger das Schloss an, das vielmehr ein kleines Schlösschen mit einer dazugehörigen verfallenen Ruine war, sondern spazierten durch den Schlossgarten, der auch eher verwildert als im englischen Stil angelegt war.
| Blick auf das Schloss vom Schlossgarten |
| Der Garten war weitläufig, aber nicht immer gut gepflegt. |
Nach einer halben Stunde wurden wir jedoch von einem sehr, sehr alten Mann mit auffällig langen Nasenhaaren abgefangen, der uns etwas ruppig die 12€ Eintritt abkassierte und unser Geld in einem beeindruckendem Portemonnaie verstaute, das mit geschätzt hundert 50-, 20- und 10-Euro-Scheinen sehr gut gefüllt war.
Uns war schon vor dem Schloss ein Schlüsselbund aufgefallen, der achtlos im Kies lag und das wahrscheinlich auch nicht erst seit kurzem. Es stellte sich beim Aufsammeln später heraus, dass man mit diesen Schlüsseln vermutlich durch das ganze Schloss flanieren konnte. Als wir ihn am Ende unserer Tour dem alten Herrn in seinem Büro zurückgaben (wir wussten schließlich nicht, wie lange er schon danach gesucht hatte, auch wenn die Aussicht auf einen neuen Zweitwohnsitz sehr verlockend war), reagierte er plötzlich ganz anders auf uns, war freundlich, bedankte sich mehrmals und lud uns ein, jederzeit wiederzukommen.
Am 9. Oktober musste ich auch wieder sehr früh meiner zweiten Schule, die direkt im Stadtzentrum liegt und mit dem Auto sehr gut erreichbar ist - wenn nicht gerade so ein Stau herrscht, wie es an diesem Morgen der Fall war, denn einige Straßen waren aufgrund von Bauernabfällen gesperrt worden. Die Bauern protestierten an diesem Tag und um ihren Unmut Ausdruck zu verleihen, verteilten sie überall im Stadtzentrum ihre Gemüseabfälle. Dadurch kam ich fast zu spät und musste auch noch einen nicht sehr angenehmen Geruch ertragen. Dafür haben mir aber meine Schüler in der Klasse noch ein Geburtstagsständchen gesungen (auf deutsch!) und mir gratuliert. Julia musste leider gegen 11 Uhr mit dem Zug wieder zurück nach Deutschland, deswegen habe ich nach meiner letzten Unterrichtsstunde mit den anderen Assistenten am Abend meinen Geburtstag gefeiert. Mireille hatte mir ein gutes chinesisches Restaurant empfohlen, wo wir von Sam, dem Kellner, sehr freundlich bewirtet wurden. Für meinen Geburtstag gingen sogar ein paar Getränke und Frühlingsrollen aufs Haus und ich bekam sogar zum Abschied Sake in einem sehr interessantem Glas :)
| Prost! |
| Der sehr andere Sake-Becher |
In der nächsten Woche halte ich dann meine ersten richtigen Unterrichtsstunden, das heißt, ich muss mich nicht mehr vorstellen, sondern kann ein bestimmtes Thema mit den Schülern bearbeiten. Das ist dann auch schon die letzte Woche vor den Allerheiligen-Ferien, die in Frankreich zwei Wochen dauern und in der folgenden Woche fliege ich das erste Mal wieder zurück nach Deutschland. Ich hoffe, ich kann mir bis dahin noch ein paar weitere Sachen in der Normandie anschauen.
Bis dahin erstmal wieder liebe Grüße nach Deutschland und hoffentlich bis bald! :D
Au revoir!
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